Ist Gambio am Ende? Probleme bei Gambio – es muss was passieren, aber Fatalismus ist übertrieben
Wenn man sich aktuell im Gambio-Kosmos umhört, könnte man fast meinen, das Ende des E-Commerce stehe kurz bevor. Die Stimmung ist angespannt und die Diskussionen in Foren und Gruppen kochen hoch. Besonders die jüngsten, sehr drastischen Aussagen von Dominik Späte, der Händlern rät, den Weg zu Systemen wie Shopify zu gehen, haben viele Shopbetreiber stark verunsichert. Warum man sich von ihm nicht verunsichern sollte, erläutere ich weiter unten. Hinzu kommen die Sicherheitslücke 03-2026 in Kombination mit fataler Kommunikation und die Frustration, dass einige wichtige Funktionen seit Monaten… Jahren angekündigt werden und einfach nicht kommen.
Um es direkt vorwegzunehmen: Ich halte Dominiks Aussagen zum aktuellen Stand für übertriebenen Fatalismus. Ja, es knirscht im Gebälk. Aber wer jetzt in Panik verfällt und blindlings das System wechselt, macht womöglich den größten und teuersten Fehler des Jahres. Natürlich kann es immer sein, dass eine Firma auf einem schlechten Weg ist. Ob das bei Gambio der Fall ist, ist noch völlig unklar. Das kann einem im Übrigen bei allen Systemen passieren. Auch bei Shopify, WooCommerce, JTL und vielen anderen.
Legen wir die Fakten schonungslos auf den Tisch.
Die rosarote Brille absetzen: Wo es bei Gambio wirklich klemmt
Machen wir uns nichts vor, es gibt Probleme und die sind offensichtlich. Wir brauchen nichts schönzureden:
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Die xt:Commerce- bzw. modified-Altlasten: Die merkt man dem System unter der Haube einfach immer noch an und hier müsste eigentlich ein Teil der Entwickler konsequent daran arbeiten, diese endlich loszubekommen. Leichter gesagt als getan, aber dennoch notwendig.
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Die Private-Equity-Übernahme: Seit ECOMMERCE ONE das Ruder übernommen hat, spürt man als Außenstehender deutlich, dass der Fokus der Investoren scheinbar viel stärker auf der Verzahnung mit Afterbuy und DreamRobot liegt als auf der konsequenten Weiterentwicklung des eigentlichen Gambio-Kerns. Da geht es nicht mehr ums Produkt, da geht es ganz offensichtlich um Zahlen. In einem so communitygebundenen System wie Gambio merkt man diesen Kulturwechsel natürlich deutlich. Und wenn plötzlich etwas anders ist, gehen immer die menschlichen Alarmglocken an.
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Der ominöse AppStore: Angekündigt, erwartet, aber bisher einfach nicht gekommen. Übrigens nicht erst seit eCommerce One. Andere Systeme sind da meilenweit voraus. Der Endkunde will einfach Module und Updates via Klick, nicht via langwierigem, komplexem Installieren.
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Die miese Kommunikation: Das Auftreten nach außen wirkt oft total planlos. Die Informationspolitik gegenüber Agenturen und Shopbetreibern ist aktuell ein Graus.
- Sicherheitslücken: Ja, die gibt es. Ja, da waren böse dabei. Nicht böser als bei anderen und auch nicht häufiger. Der Umgang seitens Gambio ist aber auf jeden Fall ausbaufähig.
Das Gras auf der anderen Seite ist auch nur grün angemalt
Viele rufen jetzt reflexartig nach den „modernen“ Systemen. Aber schauen wir uns die Alternativen im harten DACH-Alltag doch mal genauer an. Im direkten Vergleich hat Gambio für unsere Region nämlich echte Stärken:
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Shopify: Ja, die Usability ist toll. Aber es bleibt ein extrem US-lastiger Konzern. Ohne teure Zusatzmodule und fiese Workarounds wird es mit der DSGVO und der deutschen Rechtssicherheit schnell problematisch. Dazu fressen einen die Transaktionsgebühren und monatlichen App-Kosten bei wachsendem Umsatz regelrecht auf. Und man ist eben abhängig von einem System, wo man gar nicht unter die Haube schauen kann. Denn sicher ist nur eins: Natürlich hat Shopify genauso Sicherheitslücken wie alle anderen Systeme auf dieser Welt. Insbesondere die Module von Drittanbietern sorgten in der Vergangenheit auch gerne mal für Datendiebstahl von Kundendaten oder ähnliche Dinge.
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Shopware: Die haben die Preise heftig angezogen und peilen mittlerweile eine ganz andere Zielgruppe (Enterprise) an. Für den typischen Gambio-Händler sind die Lizenz- und Agenturkosten für Shopware schlichtweg irre geworden. Im Jahr 2025 gab es eine regelrechte Welle von Shopware-Kunden, die zu anderen Systemen (darunter auch Gambio) gewechselt sind, weil es finanziell bei Shopware nicht mehr tragbar war. Ach, und Shopware hat natürlich auch Sicherheitslücken. Bis März 2025 gab es auch hier die Möglichkeit für SQL-Injections… nur mal als Beispiel.
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WooCommerce: Aus unserer Sicht eine echte Katastrophe. Ein völlig irres Flickenwerk aus WordPress und hunderten Plugins, das von einem einfachen Shopbetreiber technisch kaum noch sinnvoll, stabil und sicher zu betreiben ist. Dazu das wirre Backend. Ich mag WordPress so richtig. Aber WooCommerce ist der Versuch, aus einem schönen Kombi einen Umzugstransporter zu machen, indem man eine Kiste aufs Dach schnallt und einen Anhänger ranhängt. Klappt irgendwie ein bisschen, wird auf Dauer aber Murks. Außerdem ist das System das beliebteste auf der ganzen Welt… auch für Hacker. Sämtliche WordPress-Projekte, die wir selbst haben, stehen praktisch unter Dauerfeuer. Die vielen Drittanbieter-Plugins, die man braucht, machen es nicht besser.
Gambio ist beim Thema Sicherheit und Sicherheitslücken weder besser noch schlechter als andere Systeme. Was online steht und womit Geld verdient wird, kann gehackt werden. So einfach und banal ist das.
Der Mythos vom systembedingten Rankingverlust
„Mein Umsatz bricht ein, ich brauche ein neues Shopsystem!“ – Stopp. Lassen wir eine Sache ein für alle Mal festhalten: Rankingverluste und Umsatzeinbußen liegen NICHT pauschal an einem Shopsystem. Liegen sie nicht, lagen sie nie und werden sie nie liegen.
Jedes System bedeutet Arbeit, jedes System hat seine Schwächen und mit absolut jedem System sind hohe Umsätze und Top-Rankings bei Google möglich. Im Jahr 2026 braucht es schlichtweg eine vernünftige Strategie, sauberes SEO und gutes Marketing. Das System darunter ist komplett egal. Jeder, der etwas anderes behauptet, hat einfach keine Ahnung.
Ein Systemwechsel sollte nur dann auf dem Tisch liegen, wenn es einen ganz konkreten technischen Grund gibt. Zum Beispiel, wenn eine zwingend benötigte Anbindung nur mit einem anderen System funktioniert oder ein spezielles Feature für Gambio extrem teuer neu programmiert werden müsste. Ansonsten gilt: Gambio wird nicht morgen oder übermorgen untergehen. Ja, es lief schon mal runder, aber das Fundament trägt nach wie vor und hat nach wie vor das Potenzial, weiterzutragen.
Was Gambio jetzt zwingend auf die Kette bekommen muss
Ich nehme die Verantwortlichen hier nicht aus der Pflicht und bin auch nicht blind pro Gambio. Im Gegenteil: Mein Lebenseinkommen hängt nicht von Gambio ab. Macht Gambio morgen dicht, dann wäre das für mein Konto sicher unschön… aber eben kein Untergang. Gambio muss jetzt einige Stellschrauben ordentlich drehen, sonst wird es sicher nicht besser. Wenn das Vertrauen der Händler nicht verspielt werden soll, muss die Bremer Tochterfirma der britischen Finanzholding jetzt liefern:
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Klare Strukturen und Krisenmanagement: Bei der nächsten Sicherheitslücke brauchen wir sofort klares, transparentes Handeln – und nicht so einen Scheiß wie jetzt im März. Bis zum heutigen Tag wurde unser Prüfskript für die Sicherheitslücke, das eigentlich von Gambio hätte kommen müssen, mehrere hundert Male heruntergeladen. Offenbar gibt es ja Bedarf.
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Der AppStore muss her: Und zwar ein funktionierender AppStore für Erweiterungen, der sowohl für die Selfhosted- als auch für die Cloud-Varianten nutzbar ist. Nur damit kann sich ein sinniges Ökosystem weiterentwickeln. Kunden wollen One-Click-Installationen und Updates. Alles andere ist 2026 Bullshit.
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Eine transparente Roadmap: Wir brauchen endlich klare Schwerpunkte und eine nachvollziehbare Linie, wo die technologische Reise in den nächsten Jahren hingeht. Dabei ist es erlaubt, Schwerpunkte zu setzen, die einige Kunden gehen lassen. Aber das ist egal. Dieses intransparente Wischiwaschi kostet am Ende viel mehr.
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Bessere Kommunikation in alle Richtungen: Holt euch einen fähigen Partnermanager und gebt dem Unternehmen wieder ein „Gesicht“ für das Forum und die Community. Die Leute wollen mit Menschen sprechen, nicht mit einer gesichtslosen Investment-Firma. Genau das, was gerade bei Gambio passiert, stößt mich in all meinen Erfahrungen mit „Big-Business“-, Venture-Capital- und Private-Equity-Geldmachern so ab. Man denkt kurzfristig, wechselt die Geschäftsführer wie die Unterhosen und wundert sich, dass die Kiste Richtung Baum fährt.
Und Dominik?
Hinweis: In einer ersten Version dieses Artikels hieß es an dieser Stelle, die g2Commerce UG sei im Januar 2026 mit dem expliziten Ziel eines Gambio-Forks gegründet worden. Dominik Späte hat mir gegenüber klargestellt, dass die Pläne für einen Fork zum Zeitpunkt der offiziellen Notargründung bereits verworfen waren. Ich habe die Chronologie der Ereignisse erneut geprüft und im folgenden Absatz entsprechend präzisiert. Mir geht es in diesem Artikel nicht um einen persönlichen Angriff, sondern um eine sachliche und kritische Einordnung seiner öffentlichen Aussagen.
Ich schätzte meinen Kollegen Dominik Späte und seine Module lange Zeit sehr und habe sie in der Vergangenheit oft explizit empfohlen. Was er jedoch seit einigen Monaten via Social Media kommuniziert, halte ich für fragwürdig. Hinzu kommt das Hin und Her rund um das Projekt g2Commerce, bei dem, befeuert von seinen öffentlichen Aussagen, der Eindruck entstand, dass es der große Anti-Gambio Entwurf werden könnte.
Zur Chronologie:
Im Herbst 2025 wurde von ihm an verschiedenen Stellen die Idee eines Gambio-Forks diskutiert – ein massives Unterfangen, das er in seinen Videos dann auch entsprechend thematisierte. In seinem YouTube-Video „Warenkorb Wochenende (3/6): Stand der Dinge bei g2commerce“ vom 31. Oktober 2025 deklarierte er dieses Vorhaben dann jedoch bereits selbst (explizit benannt im Videokapitel „Gescheiterter Versuch mit dem Fork“) als vorerst beendet. Als er wenig später, am 05.01.2026, zusammen mit Dominik Dehning und Kai Stejuhn in Hannover die g2Commerce UG notariell gründete, lag der offizielle Fokus des Unternehmens daher bereits auf Cloud-Alternativen und einem „Patch“ und nicht mehr auf dem Fork. Wobei diese Tatsache in der Öffentlichkeit, so auch bei mir, von vielen anders wahrgenommen wurde. Die Gründung wurde als deutliches Indiz für den Start eines Forks gedeutet.
Das mit dem Patch, der Schwachstellen in Gambio beheben soll, ist eine grundleged gute Idee, lässt aber Zweifel an der Machbarkeit aufkommen. Ein 2-3 Mann Team, dass dann bei jedem Update darauf achten muss, dass die eigenen Patches im System nicht überschrieben werden oder (falls es als Modul gedacht ist) weiter funktionieren. Es ist zumindest ein großer Aufwand, der eine vielzahl an zahlenden Kunden benötigt um ihn zu rechtfertigen.
Anfang April veröffentlichte er bei YouTube ein Video, in dem Dominik Späte bestätigte, dass er nicht mehr Teil von g2Commerce ist. Begründung: „Ich fühle es nicht mehr“. Also lagen zwischen Idee für einen Fork als Angriff auf Gambio, der Firmengründung mit alternativen Ansatz und „Ich fühle es nicht mehr“ ganze sechs bzw. drei Monate. Ich lass das mal so stehen.
Dominik hat sicher mit einigen Kritikpunkten inhaltlich recht. Da besteht kein Zweifel. Aber seiner Empfehlung zum Wechsel und seinem Fatalismus mag ich nicht folgen, schon gar nicht nach der oben skizzierten sprunghaften Entwicklung und der mittlerweile sehr deutlichen „Anti-Gambio-Haltung“. Was auch immer seine Gründe für seinen Feldzug gegen Gambio sind, sie decken sich nicht mit nüchternen Fakten.
Fazit
Lasst euch nicht verrückt machen. Ein Shopsystem-Wechsel ist eine Operation am offenen Herzen. Ohne Not sollte man das nicht machen. Und die vage Verunsicherung, da könnte was kommen oder nicht in Ordnung sein, ist kein echter Grund. Selbst wenn Gambio morgen dichtmacht, laufen die Systeme weiter. Es ist sogar wahrscheinlich, dass eine oder mehrere Agenturen die Lücke füllen und das Open-Source-System weiterentwickeln. Auf jeden Fall bliebe in so einem Fall immer noch genug Zeit, das System in Ruhe und dann mit echtem Grund zu wechseln.
Aber geigt Gambio gerne die Meinung. Meldet ihnen, am besten per Mail oder Brief, gern zurück, was eure Probleme sind. Wenn da plötzlich von 10 % der Kunden Sachen eingehen, dringt das auch mal nach oben durch. Wenn nicht, muss man wirklich davon ausgehen, dass es vor allem Unmut von Einzelnen ist. Das nimmt dann keiner ernst.

Rico ist Gründer und Inhaber von Orange Raven. Er ist seit über 15 Jahren als IT- und Marketing Experte (Studium Uni) speziell für Gambio und WordPress unterwegs.


